Wer Liferay nur als Portal-Software kennt, wird bei diesem Release zweimal hinschauen. Mit 2026 Q2 schlägt Liferay eine Richtung ein, die weit über Feature-Listen hinausgeht.
Quartals-Releases haben in der Enterprise-Software-Welt manchmal den Ruf, vor allem Changelog-Dokumente zu sein: neue Einstellungen hier, ein verbessertes UI dort, ein paar API-Endpunkte mehr. Das ist bei Liferay 2026 Q2.0 anders. Wer die Release Notes genau liest, erkennt dahinter drei strategische Entscheidungen, die die Plattform in den nächsten Jahren definieren werden.
Als Experte, der täglich mit Liferay-Projekten arbeitet, interessiert mich nicht nur, was geliefert wurde, sondern warum es geliefert wurde. Das ist der Winkel, aus dem ich dieses Release betrachten möchte.
1. Product-Led Growth: Liferay öffnet die Tür
Mit dem neuen CMS Free Tier macht Liferay etwas, das für ein klassisches Enterprise-Produkt bemerkenswert ist: Interessenten können den neuen Headless CMS ohne Kaufentscheidung, ohne Salesgespräch und ohne Verhandlung ausprobieren.
Das klingt simpel, ist aber eine fundamentale Änderung im Go-to-Market. Klassische Enterprise-Software hat traditionell hohe Einstiegshürden: Demos, Angebote, lange Evaluationsprozesse. Product-Led Growth dreht das um. Das Produkt selbst übernimmt die Arbeit der ersten Überzeugung. Wer den Headless CMS kostenlos ausprobiert und versteht, was er kann, ist beim Upgrade-Gespräch schon halbwegs überzeugt.
Für Partner wie uns bedeutet das: Wir können Kunden jetzt niedrigschwellig an Liferay heranführen, ohne dass sofort eine Lizenzentscheidung im Raum steht. Das verändert, wie wir Erstgespräche führen und wie wir Proof-of-Concepts aufsetzen. Natürlich gibt es im Free Tier Limits: Anzahl der Strukturen, Felder, gespeicherte Inhalte. Aber genau diese Limits sind klug gesetzt. Sie geben genug Spielraum zum Verstehen, aber nicht so viel, dass ein produktiver Einsatz ohne Enterprise-Lizenz sinnvoll wäre.
2. Cloud Native: Liferay meint es ernst mit AWS
Wer in den letzten Jahren Enterprise-Software-Entscheidungen mitverfolgt hat, kennt das Muster: Jeder Anbieter spricht von Cloud, Cloud Native, Kubernetes-ready. Die Frage ist immer, was das konkret bedeutet.
Liferay beantwortet das mit diesem Release auf zwei Ebenen. Erstens: Ein neues AWS-Deployment-Toolkit, das auf Amazon EKS aufsetzt und Kunden eine vollständige, vorkonfigurierte Infrastruktur für Liferay in AWS liefert. Zweitens: Der OpenSearch 2 Connector kommt aus der Beta und erreicht den GA-Status.
Diese beiden Dinge zusammen sind mehr als die Summe ihrer Teile. Das AWS-Toolkit löst ein reales Problem: Liferay in AWS zu betreiben war bisher aufwändig, fehleranfällig und erforderte tiefes Kubernetes-Wissen. Mit dem neuen Toolkit gibt es Standardisierung, bessere Sichtbarkeit in den EKS-Cluster und eine zuverlässigere Deploymentstrecke.
Der OpenSearch-Connector ist die zweite Hälfte der Geschichte. Elasticsearch war lange Zeit die einzige ernstzunehmende Suchoption für Liferay in Produktion. OpenSearch, der AWS-gepflegte Fork, ist nun eine vollwertige Alternative mit GA-Status. Für Kunden, die auf AWS setzen, ist das praktisch: Sie können auf AWS OpenSearch Service zurückgreifen und damit den operativen Aufwand für die Suchinfrastruktur erheblich reduzieren.
Zusammengenommen signalisiert Liferay: Wir wollen in der AWS-Welt ein First-Class-Bürger sein. Das ist relevant für alle, die Liferay in der Cloud betreiben oder dahin migrieren wollen.
3. Digital Sales Rooms: Ein neues Spielfeld
Das überraschendste Feature in diesem Release ist noch Beta, aber es verdient besondere Aufmerksamkeit: Digital Sales Rooms.
Die Idee dahinter ist, dass Vertriebsmitarbeiter direkt aus Liferay heraus branded Deal-Portale erstellen können. In diesen Räumen können Dokumente, Präsentationen und Multimedia-Assets geteilt werden. Käufer bekommen einen strukturierten, sicheren Zugang. Und Verkäufer sehen in einem Engagement-Dashboard, wer welche Dokumente wann angeschaut hat.
Das klingt nach Sales Enablement Software, und genau das ist es auch. Liferay betritt hier einen Markt, in dem Anbieter wie Seismic, Highspot oder Showpad aktiv sind. Das ist kein Zufall.
Viele Liferay-Kunden betreiben B2B-Portale: Partner-Portale, Kunden-Portale, Händler-Portale. In diesen Kontexten läuft der eigentliche Deal-Prozess oft parallel in E-Mail-Threads und shared Dropbox-Ordnern ab, weil es kein gutes digitales Werkzeug gibt, das nah genug an der Portal-Plattform sitzt. Digital Sales Rooms ist Liferays Antwort darauf. Ob das in der Praxis so funktioniert wie versprochen, wird die GA-Version zeigen müssen. Aber die Richtung ist klar: Liferay will nicht nur die Plattform sein, auf der Portale laufen, sondern auch das Werkzeug, mit dem in diesen Portalen echte Geschäfte gemacht werden.
CMS-Plattform-Reife: Die Details, die den Unterschied machen
Neben den drei großen Weichenstellungen gibt es in diesem Release eine Reihe von CMS-Verbesserungen, die im Alltag den größten Unterschied machen werden.
Editable Content Structures
Bisher war das Bearbeiten einer Content-Struktur nach der ersten Publikation riskant bis unmöglich. Wer Felder hinzufügen oder umsortieren wollte, musste bestehende Inhalte zuerst löschen. Ab sofort können Administratoren Strukturen und ihre Felder nachträglich anpassen, ohne dass vorhandene Einträge davon betroffen werden. Das klingt selbstverständlich, war aber bisher ein echter Schmerzpunkt bei wachsenden Inhaltsmodellen.
Bulk Search & Replace
Content-Teams können jetzt plattformweit Text, URLs oder Begriffe in einem einzigen Schritt ersetzen. Mit Pflicht-Vorschau vor dem Commit, automatischer Versionierung und Rollback-Option. Wer schon mal ein Unternehmens-Rebranding über einen Liferay-basierten Webauftritt koordiniert hat, weiß, was das bedeutet.
Referenceable Entries: Vom Dokument zum Datenmodell
Mit den neuen "Link Content Fields" können Inhalte Beziehungen zu anderen Einträgen aufbauen, statt Werte immer wieder neu einzutippen. Ein Autor, eine Produktkategorie oder ein Standort wird einmal gepflegt und überall referenziert. Ändert sich der Eintrag, zieht die Änderung durch alle abhängigen Inhalte. Das ist der Schritt von einem dokumentenzentrierten CMS hin zu einem echten Content-Graph.
CKEditor 5 wird Standard
CKEditor 4 ist deprecated. CKEditor 5 ist ab sofort der Default-Editor in Liferay DXP. Das ist längst überfällig gewesen: CKEditor 4 war technisch veraltet und hat bei modernen Browser-Funktionen zunehmend Probleme gemacht. Für Kunden mit Custom-Plugins in CKEditor 4 gibt es einen Migration-Pfad und eine temporäre Feature Flag, die CK4 noch reaktiviert. Aber der Wechsel ist unausweichlich, und er ist richtig.
Operational Maturity: Was hinter den Kulissen besser wird
Zwei Features in diesem Release fallen etwas aus dem Raster der großen Ankündigungen, verdienen aber besondere Erwähnung.
Der Site-Level Maintenance Mode erlaubt es, einzelne Sites für Besucher offline zu nehmen, während Administratoren weiterarbeiten und den Zustand prüfen können. Besucher erhalten eine saubere 503-Seite, was Suchmaschinen signalisiert, dass die Abschaltung temporär ist. Für Deployments und größere Migrationen ist das ein echter Qualitätsgewinn im Betrieb.
Die verbesserte Publications-Review-Erfahrung ist das zweite operative Highlight: Content Pages zeigen jetzt in einem Diff-View genau, was sich geändert hat, bevor eine Publikation freigegeben wird. Wer in Teams arbeitet, die Content-Freigabeprozesse über Publications abbilden, wird das sofort zu schätzen wissen.
Breaking Changes: Ein Zeichen gesunder Plattform-Hygiene
Ein Wort zu den Breaking Changes in diesem Release, denn sie sind charakteristisch für eine Plattform, die sich ernsthaft modernisiert.
Liferay hat in 2026 Q2 unter anderem alle PrevAndNext-Methoden aus dem Service Builder entfernt. Das klingt trocken, war aber eine Maßnahme, die über 600.000 Zeilen generierten Code eliminiert hat, die an drei Stellen im Code genutzt wurden. Solche Entscheidungen trifft man nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil die technische Schuld zu hoch wird.
Ähnliches gilt für die Bereinigung duplizierter Utility-Klassen zwischen portal-kernel und den Petra-Bibliotheken, und für die Vereinfachung der Indexer-Implementierungen. Das sind keine glamourösen Features. Aber eine Plattform, die konsequent technische Schulden abbaut, ist langfristig zuverlässiger, schneller zu upgraden und einfacher zu erweitern.
Liferays Aussage: "Don´t use Service Builder - use Objects" bleibt bestehen.
Für Entwicklungsteams, die Liferay-Projekte betreuen: Die Breaking Changes sind gut dokumentiert, und die Migrationspfade sind in den Release Notes konkret beschrieben. Das sollte vor jedem Upgrade auf 2026 Q2 durchgearbeitet werden.
Fazit: Wohin Liferay läuft
Liferay 2026 Q2 ist kein Release, das man mit einer Bullet-Point-Liste zusammenfassen sollte. Es sind drei Richtungsentscheidungen, die auf einmal sichtbar werden.
Erstens: Liferay will niedrigschwellig ausprobierbar sein. Der Free Tier ist die Antwort auf eine Welt, in der Kaufentscheidungen immer mehr durch eigene Erfahrung mit dem Produkt getrieben werden, nicht durch Salesgespräche.
Zweitens: Liferay will in der Cloud ein First-Class-Citizen sein. Das AWS-Toolkit und der OpenSearch GA-Status sind kein Zufall, sondern Teil einer konsequenten Cloud-Native-Strategie.
Drittens: Liferay will nicht nur die Plattform sein, auf der B2B-Portale laufen, sondern das Werkzeug, mit dem in diesen Portalen echte Geschäfte gemacht werden. Digital Sales Rooms ist der erste konkrete Schritt in diese Richtung.
Wer Liferay in seiner Strategie hat oder evaluiert, sollte dieses Release nicht als Routineupdate lesen. Hier wird Kurs gesetzt.
Wer das für sein Unternehmen einordnen oder konkret umsetzen möchte – wir bei Portalworks helfen gern, egal ob Strategie, Architektur oder Implementierung.
Wer tiefer einsteigen möchte: In den nächsten Wochen veröffentlichen wir hier eine mehrteilige Serie, in der wir die einzelnen Themen – vom neuen CMS über Digital Sales Rooms bis zu den Breaking Changes – im Detail beleuchten.
